Noch bevor wir uns an die konkrete Geschichte heranmachen, fällt auf, dass bei Johannes große Gespräche stattfinden. Am vergangenen Sonntag sprach Jesus mit der Samaritischen Frau am Jakobsbrunnen, heute diese Wundergeschichte, wobei hier das Wunder selber fast untergeht inmitten der z.T. aberwitzigen Diskussionen. Das erweckt zum einen den Eindruck der Historizität, wobei es ganz unwahrscheinlich ist, dass sich jemand mehr als 50 Jahre nach dem Ereignis an solche Details erinnert. Sehr wohl wird aber eine andere Sache an diesen Dialogen klar: Die Sache Gottes braucht das Gespräch. Und zwar hat das notwendige Gespräch zwei Dimensionen: eine vertikale und eine horizontale; zwischen Gott und Mensch und Mensch und Mensch. Gott muss sagen können, was sein Wille ist, was er sich bei der Welt dachte und was er von uns möchte; und wir müssen hören und verstehen, was Gott sagt. Auf der anderen Seite ist auch unter uns ein Gespräch notwendig, denn das von Gott her Erkannte muss weitergegeben und geprüft werden.

Gott muss sich auf diese zwei Gesprächsebenen einlassen, wenn er uns nicht mit Gewalt wie durch unabänderliche Naturgesetze beherrschen, sondern als freie Wesen einbeziehen möchte. Das erste Gespräch ist natürlich das schwierigere, denn Gott hat direkt weder akustische noch sprachliche Sprechmöglichkeiten. Umso wichtiger wird die zweite Dimension, dass der Mensch Gottes Willen erfährt, formuliert, ausspricht und ins Gespräch mit den anderen bringt. Die Schrift bezeugt unablässig, wie dieses zweite Gespräch zu beinahe unüberwindlichen Schwierigkeiten führt. Daraus resultiert das sog. Propheten-Schicksal. Richtig spannend werden die Gespräche im Evangelium, wenn Jesus beteiligt ist. Denn in ihm treffen die zwei Linien ganz ausdrücklich aufeinander: von Gott zum Menschen und von Mensch zu Mensch. Gerade das ist der springende Punkt für Johannes, und deswegen gestalten sich die Gespräche im Johannesevanglium so seltsam und verworren. Denn wir sollen begreifen, dass, obwohl da ein Mensch aus Nazaret spricht, Gottes Wort in einer Klarheit und Intensität präsent ist, wie vielleicht nur in ganz verdichteten Augenblicken in der bisherigen jüdischen Heilsgeschichte. Daraus ergeben sich Komplikationen und Konflikte aber auch zugleich Gotteserfahrungen. Jesus sagte zu der Frau, als sie von der Messias-Hoffnung sprach: „Ich bin es, der mit dir spricht“; oder heute sagt er zum Geheilten: „Glaubst du an den Menschensohn? Du siehst ihn vor dir; er, der mit dir redet, ist es“. Und genau dieses Hören und Sehen ist nicht einfach.

Deshalb ist noch eine zweite Sache wichtig, die wir an diesen Gesprächen Jesu im Johannesevangelium sehen können: Man unterhält sich, es geht um Verständnis, der Mensch soll etwas über Gott verstehen und erkennen, aber letztlich geht es Jesus nicht in erster Linie um Erkenntnis, sondern um eine Verwandlung. Bei der Frau wird es am „lebendigen Wasser“ festgemacht, das von innen kommt und uns mit der Ewigkeit verbindet. Und hier geht es um das Sehenkönnen dieses Mannes, was zugleich Glaubenkönnen bedeutet. Wir müssen etwas von Gott verstehen – aber eigentlich dürfen wir zugleich etwas von Gott her an uns geschehen lassen. Und genau das fällt so schwer in den Geschichten. Am vergangenen Sonntag hat die Frau schnell begriffen und auch die Leute, die aus dem Dorf zu Jesus kamen, haben geglaubt und wir können davon ausgehen, dass das lebendige Wasser des Glaubens sie erreicht hat. Im heutigen Text scheinen sich die Pharisäer selber im Weg zu stehen, und es gelingt ihnen nur, verkehrte Reime auf das Ereignis zu machen: „Dieser Mensch kann nicht von Gott sein, weil er den Sabbat nicht hält“ oder: „Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist.“ Zwar sprechen die Fakten gegen die Schlüssigkeit ihre Überzeugungen aber bestimmte Prinzipien und Fragestellungen erlauben keine neuen Erkenntnisse. Und das ist das, was als drittes für uns heute relevant ist: Auch und gerade als Glaubende – und die Pharisäer waren gläubig – stellen wir oft die falschen Fragen und stellen Alternativen auf, die uns auf falsche Wege führen. Hat er gesündigt oder seine Eltern, fragen sich die Leute. Die samaritische Frau fragte, ob man Gott in Jerusalem oder auf dem Berg Garizim anbeten soll. Jesus möchte uns eine andere Fragestellung beibringen.

Gott möchte seine Herrlichkeit zeigen, sagt er; und: Gott möchte in Wahrheit und Geist angebetet werden. Das sind keine interessanten Informationen, sondern das ändert die Umstände und verwandelt meine Lage. Gerade in diesen Tagen des Ausnahmenzustandes kommen viele Fragen hoch: Warum lässt Gott das zu? Ist die Schöpfung nicht grausam? Kann es überhaupt einen guten Gott geben, wenn solche Pandemien grassieren können? Wer ist schuld? – vielleicht die Chinesen, die Klimaerwärmung oder die globalisierte Wirtschaft, die vielen Urlauber… Wo hat wer was versäumt: die Regierung, das Gesundheitswesen usw. Die Fragen sind nicht unberechtigt, aber sie verdecken die tieferen Fragen. Es gibt ähnliche Fragen in der Kirche: „Warum ist die oder der so und sieht nichts? Warum begreifen die Bischöfe oder die Laien oder die Pfarrer die Lage der Kirche nicht? Warum diese Maßnahme, warum nicht jene…? Wer ist schuld, wer liegt richtig?“ Jesus sagt, nicht die Schuldfrage ist interessant, sondern, „das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden“ und „Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke des Vaters vollbringen.“ Es gibt ein Leben, das durch keine Viren beeinträchtigt wird, sogar dann nicht, wenn man sterben würde. Es gibt Taten, die Gott durch uns vollbringen will, trotz unserer Unzulänglichkeiten; und es gibt Verwandlungen in unserem Leben, die Gottes Wirken offenbar machen gerade durch unsere Schwäche und Schuld. Gott will unseren Durst stillen und unsere Blindheit heilen. Wir wollen uns von den nicht hilfreichen Fragen wegführen lassen zu der Frage, die Jesus am Schluss auch an uns stellt: „Glaubst du an den Menschensohn“, der gekommen ist, damit an dir und an uns das Wirken Gottes offenbar wird?

Der Text aus dem Johannesevangelium (Joh 9, 1-41):
+ Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes In jener Zeit sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, so dass er blind geboren wurde? Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden. Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Schiloach heißt übersetzt: Der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen. Die Nachbarn und andere, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sagten: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte? Einige sagten: Er ist es. Andere meinten: Nein, er sieht ihm nur ähnlich. Er selbst aber sagte: Ich bin es. Da fragten sie ihn: Wie sind deine Augen geöffnet worden?

Er antwortete: Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Teig, bestrich damit meine Augen und sagte zu mir: Geh zum Schiloach, und wasch dich! Ich ging hin, wusch mich und konnte wieder sehen. Sie fragten ihn: Wo ist er? Er sagte: Ich weiß es nicht. Da brachten sie den Mann, der blind gewesen war, zu den Pharisäern. Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte. Auch die Pharisäer fragten ihn, wie er sehend geworden sei. Der Mann antwortete ihnen: Er legte mir einen Teig auf die Augen; dann wusch ich mich, und jetzt kann ich sehen. Einige der Pharisäer meinten: Dieser Mensch kann nicht von Gott sein, weil er den Sabbat nicht hält. Andere aber sagten: Wie kann ein Sünder solche Zeichen tun? So entstand eine Spaltung unter ihnen. Da fragten sie den Blinden noch einmal: Was sagst du selbst über ihn? Er hat doch deine Augen geöffnet.

Der Mann antwortete: Er ist ein Prophet. Die Juden aber wollten nicht glauben, dass er blind gewesen und sehend geworden war. Daher riefen sie die Eltern des Geheilten und fragten sie: Ist das euer Sohn, von dem ihr behauptet, dass er blind geboren wurde? Wie kommt es, dass er jetzt sehen kann? Seine Eltern antworteten: Wir wissen, dass er unser Sohn ist und dass er blind geboren wurde. Wie es kommt, dass er jetzt sehen kann, das wissen wir nicht. Und wer seine Augen geöffnet hat, das wissen wir auch nicht. Fragt doch ihn selbst, er ist alt genug und kann selbst für sich sprechen. Das sagten seine Eltern, weil sie sich vor den Juden fürchteten; denn die Juden hatten schon beschlossen, jeden, der ihn als den Messias bekenne, aus der Synagoge auszustoßen. Deswegen sagten seine Eltern: Er ist alt genug, fragt doch ihn selbst. Da riefen die Pharisäer den Mann, der blind gewesen war, zum zweiten Mal und sagten zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist. Er antwortete: Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Nur das eine weiß ich, dass ich blind war und jetzt sehen kann. Sie fragten ihn: Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er deine Augen geöffnet? Er antwortete ihnen: Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht gehört. Warum wollt ihr es noch einmal hören? Wollt auch ihr seine Jünger werden?

Da beschimpften sie ihn: Du bist ein Jünger dieses Menschen; wir aber sind Jünger des Mose. Wir wissen, dass zu Mose Gott gesprochen hat; aber von dem da wissen wir nicht, woher er kommt. Der Mann antwortete ihnen: Darin liegt ja das Erstaunliche, dass ihr nicht wisst, woher er kommt; dabei hat er doch meine Augen geöffnet. Wir wissen, dass Gott einen Sünder nicht erhört; wer aber Gott fürchtet und seinen Willen tut, den erhört er. Noch nie hat man gehört, dass jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat. Wenn dieser Mensch nicht von Gott wäre, dann hätte er gewiss nichts ausrichten können. Sie entgegneten ihm: Du bist ganz und gar in Sünden geboren, und du willst uns belehren? Und sie stießen ihn hinaus. Jesus hörte, dass sie ihn hinausgestoßen hatten, und als er ihn traf, sagte er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn? Der Mann antwortete: Wer ist das, Herr? Sag es mir, damit ich an ihn glaube. Jesus sagte zu ihm: Du siehst ihn vor dir; er, der mit dir redet, ist es. Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder. Da sprach Jesus: Um zu richten, bin ich in diese Welt gekommen: damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden. Einige Pharisäer, die bei ihm waren, hörten dies. Und sie fragten ihn: Sind etwa auch wir blind? Jesus antwortete ihnen: Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.